Codeschnipsel

Billy Blog und die Geschichte der Datenautobahn

Liest eigentlich noch jemand Blogs?
Diese Frage stellte ich mir vor kurzem, als ich mal wieder gelangweilt von allem die Knubbel in meiner Raufasertapete gezählt habe. Losgelöst von einer mir selbst gegebenen Antwort auf diese Frage sitze ich nun hier, fast 50 Jahre nach dem Versenden der ersten E-Mail, und schreibe aus einem Impuls tiefer Langeweile ein paar Wörter auf meiner Tastatur. Der eine oder andere wird sich vielleicht denken, wieso so spät? Macht das jetzt noch Sinn? Ist das nicht viel eher eine immense Zeitverschwendung? Ich kann darauf nur entgegnen.. aber natürlich. Vorausgesetzt man wolle damit mehr erreichen, als ein paar Stunden zu füllen, die alternativ mit dem Absterben Millionen von Hirnzellen einhergehen würde, wenn ich mir so das Fernsehprogramm anschaue. Die gefühlt 150. Wiederholung einer Folge einer damals beliebten Serie, pünktliche Heulkrämpfe jedes Jahr bei bekannten, nennen wir sie Casting-Shows, und vergessen wir nicht die Werbung. Denn was wäre Fernsehen ohne Werbung? Wer zeigt mir sonst die Dinge, an die ich überhaupt nicht gedachte habe aber unbedingt zum Leben benötige? Dank der Vorzüge des Internets können wir sogar Werbung auf unseren Smartphones gucken. Das ist doch mal eine tolle Idee. Mit einem mobilen Datenvolumen, was in diesem Land so niedrig für seinen Preis ist, dass man europaweit eigentlich darüber lachen müsste, wenn es nicht so traurig wäre. Da schreib ich lieber Satire. Macht doch auch viel mehr Spaß, oder?

Aber genug davon.
Sprechen wir über Billy. Billy ist etwa 130 cm groß, 9 Jahre alt und wohnt in einer typischen westdeutschen Stadt. Er hat viele Freunde, spielt gerne Fußball und ist alles in allem ein vollkommen gewöhnlicher Junge. Erste Erfahrungen mit den “neuen” Medien machte Billy bereits im Kindergarten. Einen USB-Stick mitzubringen gehörte dort zur Pflicht. Ziel war es spielerisch zu lernen, wie man mit einem Computer umgeht. Jedenfalls stelle ich mir das als Ziel vor, denn die Betreuer, die an diesem Ort der Massentierhaltung angestellt sind, haben oft ein viel zu geringes Wissen über die Materie als wirklich sinnvoll irgendetwas vermitteln zu können. Dabei will ich nicht mal behaupten, dass das immer so ist. Jedoch musste ich aus eigener Erfahrung entdecken, dass selbst Lehrkräften an Schulen dicke Fragezeichen im Gesicht hängen blieben, wenn man eine Frage gestellt hat, die über das Speichern eines Word-Dokuments hinausging. Längst hat das digitale Rennen begonnen, jedenfalls, wenn man unserer derzeitigen Kanzlerin Glauben schenken mag. Große Worte von jemandem, der IT als “neues Medium” bezeichnet. Aber wir sind hier in Deutschland und das bedeutet, dass wir in allem langsamer sind, wenn es nicht um Autos geht. Von unseren Kindern, den Arbeitsressourcen der Zukunft, wird erwartet, dass sie sich digital auskennen und konkurrenzfähig zur Elite der Welt sind. Was, wie gesagt, schwer fällt, wenn die Wirtschaft zwar Forderungen stellt, aber keine Gelder in die Hand genommen werden, um auch Schulen und Personal so auszubilden und auszustatten, dass dieses Ziel auch erfüllt werden kann.

Unter wachsendem Druck, die Verfehlungen und Versäumnisse der älteren und regierenden Gesellschaft aufzuarbeiten, kommt für den kleinen Billy nur mehr und mehr Lehrstoff hinzu. Aus einstigen Schulen wurden Ganztagsschulen. Wo früher eine arbeitende Person im Haushalt ausgereicht hat, kommen viele heute selbst mit zwei kaum über die Runden. Oder der neu gefundene Drang zur Selbstverwirklichung zwingt das Kind, welches nie gefragt hat geboren werden zu dürfen, ein Leben eines Vagabunden zu führen. Am Wochenende muss man sich ja schließlich auch erholen. Da bleibt natürlich keine Zeit für Billy. Soll doch der Fernseher die Erziehung übernehmen. Immerhin zahle ich GEZ Gebühren nicht nur um öffentlich-rechtliche Journalisten vor eine Mauer in Nepal stellen zu können.

Resultierend aus der abnormen Neigung vieler Eltern ihre Kinder möglichst wenig sehen zu müssen wandern sie von der Tagesschule zur Betreuung, Großeltern und weiterer von der modernen Gesellschaft geschaffener Dienstleistungsanbieter, immer im Kopf, dass sich diese Kinder sicherlich im Alter um ihre genetischen Komponentenspender kümmern werden. Nur mit wie viel Hingabe hat man nie besprochen.. oder?

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